Herbert Lechner – DIE ABSTRAKTION DER WELT

Landkarten sind Sehnsuchtsorte, sind visuelle Droge für Sehnsucht und Traum, sie verführen und entführen, auf tatsächliche und gedachte Reisen. Herbert Lechner spürt den Anfängen von Infografik nach, deren Mutter die Landkarte ist: Die Umsetzung der Realität ins Bild, das Sehen wird zum Verstehen, die Welt zur Abstraktion.

Verständlicher wird die Welt, durch ihre Einordnung: Ein Orientierungssystem der Landkarte, die Elementarteilchen in Koordinatensysteme und lesbare Zeichen einpasst. Zwischen virtueller X- und Y-Achse wird Komplexität verständlich, von der dritten Dimension in die fassbare zweite Dimension übersetzt. Zugunsten der Klarheit und Vereinfachung, in Verhältnismäßigkeit und korrekten Maßstäben – die Weltkugel zur Scheibe gemacht, ein bißchen im Sinne Sepp Herbergers, den Herbert Lechner augenzwinkernd zitiert: »Das Runde muss ins Eckige.«

So sind die Landkarten in Magazinen – allen voran die im Vater aller Landkarten, dem National Geographic – vor allem faszinierende Narrative. Geformt aus Informationen und Wissbegier, aus Neugier auf die Welt und die Notwendigkeit der Erklärung von Zusammenhängen, haben viele Magazine individuelle Gestaltungen und sehr typische Arten der Umsetzung entwickelt. So wie MERIAN, dessen Redaktion Miniaturen von Sehenswürdigkeiten in Stadtpläne und Landkarten integrierte – und damit dem historischen Vorbild des Kartographen Matthias Merian folgte. Ob Hunde in Wien, die Verbreitung von Haselnussarten oder der Überblick über die Kantone der Schweiz, sind Landkarten auch Infografiken, die über die reine kartographische Abbildung hinaus Zusammenhänge und Wissen vermitteln.

Mitunter kann die Landkarte sogar ganz verschwinden; Lechner erinnert an die Visualisierung der Internetverbindungen auf der Welt, an Datenströme und Verkehrsverbindungen, hinter denen die eigentliche geographische Abbildung zurücktritt. Landkarten werden auf diese Weise zu Symbolen, zu virtuos erzählten kleinen Geschichten über spezifische Themen oder gar zu Objekten wie das Magazin Punze, dessen fünfte Ausgabe dem Thema Distanz gewidmet war. Folgerichtig war das Magazin wie eine Landkarte gestaltet, im Riesenformat – gefaltet wie eine Landkarte. (Ob dieses Format die Leser des Magazins beim Zusammenfalten in die Verzweiflung trieb, ist nicht allerdings nicht überliefert.)

Man könnte philosophieren über die Ungleichheit des Ähnlichen: Die Stadtpläne des WW Magazins beispielsweise sind zusammengesetzt aus Isarkieseln (München), Kaffeetassenrelikten (Wien), Holzbalken (Rejkjavik) – und zeigen in liebenswerter, liebevoller Schrulligkeit Stadtgeschichte(n) und -eigenheiten. Sehnsuchtsort Landkarte: Das ist ein kleines Universum für sich, ein raschelndes, knisterndes, sperriges Wesen aus Zeichen und Bildern auf Papier, die zwischen Koordinaten tanzen, über die Information hinaus Emotion vermitteln, Fantasie beflügeln, und Kindheitserinnerungen wecken.

Liebevolles Schlusswort von Herbert Lechner über die fabelhafte Welt der Landkarte: »Könnte es sein, dass wir von der Realität überwältigt sind, von Tsunamis und Katastrophen, könnte es sein, dass die Präzision der Wirklichkeit ihren Zauber nimmt? Sehnen wir uns im tiefsten Innern doch nach der Faszination des Unbekannten, nach »Hic Sunt Leones« und den weißen Flecken auf der Landkarte, nach Abenteuer und Entdeckung?«

Herbert Lechner im Netz: http://www.lechnerpress.de

 

 
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